Offener Brief mit einigen Fragen und Vorschlägen an Frau Stefanie von Berg, Bezirksamtsleiterin Altona

Eine Gruppe von vielen Kindern und Erwachsenen die Fahrrad fahren
Kidical Mass Hamburg. Für sichere Schulradwege.
Foto: Katharina Lepik

Betr: Bezirkliches Radverkehrskonzept (‚Bezirksrouten‘), hier: Schulradwege

Liebe Frau von Berg,

zuerst einmal herzlichen und unseren tief empfundenen Dank für Ihr verkehrspolitisches Engagement und dafür, dass Sie sich weder von der Boulevardpresse noch von Rückschlägen ins Bockshorn jagen lassen.
Ihr mutiges und mit einer bewundernswerten Zähigkeit verbundenes Eintreten für die längst überfällige Verkehrswende, hier Freiraum Ottensen, ist auch deshalb hervorzuheben, weil dies in Hamburg leider alles andere als selbstverständlich ist.

Nun zum Thema, dem Bezirksroutennetz, das vom Bezirk zur öffentlichen Diskussion gestellt wurde.

Auch in Altona schmilzt der  Bewegungsradius von Kindern  noch schneller als die Eisscholle in der  Klimakrise. Hauptursache dafür sind fehlende kindgerechte Verkehrs-Infrastruktur und, als Reaktion darauf, die Zunahme des Elternbringeverkehrs.
Im Hinblick auf die Schulradwegversorgung ist deshalb positiv hervorzuheben, dass Altonas weiterführende Schulen an dieses Netz angebunden werden sollen. Wie das im Einzelnen aussehen soll, bleibt leider weithin unklar.

Bei den Verhandlungen zwischen den Vertretern der Regierungsfraktionen und der Verkehrsverwaltung einerseits und dem Radentscheid andererseits wurde von allen Beteiligten einhellig festgestellt,

  • dass Schüler:innen, nach Alterskohorten betrachtet, jetzt schon den zugleich größten und bislang am wenigsten beachteten Anteil  der Radfahrenden ausmachen. Ihre Altersgruppe stellt das bei weitem größte Potential in der Radverkehrsförderung. 
  • dass die Förderung aktiver Mobilität von Schüler:innen auf ihren täglichen Wegen von und zur Schule von kaum zu unterschätzender Bedeutung für die gesundheitliche, kognitive und soziale Entwicklung unserer jungen Menschen ist. Z.B. hat Hamburg lt. den Schuleingangsuntersuchungen einen der bundesweit höchsten Anteile an übergewichtigen und adipösen Kindern.
  • dass aktive und alltägliche Mobilität von Schüler:innen besonders nachhaltig (und deshalb zu fördern) ist, da sie den damit erworbenen aktiven Lebensstil erstens oft als Erwachsene beibehalten und zweitens ihn wiederum an die eigenen Kinder weitergeben
  • dass sichere Schulradwege Familien da unterstützen, wo sie es besonders nötig haben: Beim knappen Geld- und Zeitbudget. Dies gilt besonders für Alleinerziehende, das sind zumeist Frauen.
  • dass kindgerechte Radwegrouten für alle Menschen sicher zu befahren sind und deshalb in Sachen Verkehrswende ein niedrigschwelliges Angebot darstellen.
  • dass es für die  Akzeptanz der Verkehrswende, und den mit ihr verbundenen Raumumverteilungs- und  Baumassnahmen, in der Bevölkerung förderlich ist, wenn nicht nur die Stärksten und Gesündesten im Fokus stehen, sondern, im Gegenteil,  die Verkehrswende auch für die Bedürfnisse der zwar noch Schwächsten, jedoch für die Zukunft unserer Gesellschaft Wichtigsten einsteht.

In der Einigung des Radentscheid Hamburg mit der Hamburger Bürgerschaft (Drucksache 22/106, https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/70223) ist aus diesen Gründen u.a. festgehalten:

  1. Es ist dabei wichtig, die Radfahrmobilität der Schülerinnen und Schüler zu fördern und ihre Wege dementsprechend altersgemäß und sicher zu bauen, wie z. B. durch ausreichend breite bauliche Radwege gemäß „Hamburger Regelwerke für Planung und Entwurf von Stadtstraßen“ (kurz ReStra) mit in der Regel 2 Metern zuzüglich Sicherheitstrennstreifen oder durch möglichst MIV (motorisierter Individualverkehr) -verkehrsarme Tempo 30 Zonen.“
  2. „Im Rahmen des Bündnisses für den Radverkehr sind bei Planung und Bau der Bezirksnetze als erstes und solche Wege mit Priorität zu finanzieren, die Schulen und Wohnquartiere bzw. Schulen mit Schulen verbinden.
  3. „Die Schulbehörde wird als Partner in das Bündnis für den Radverkehr aufgenommen, um die einzelnen Schulen an der Erstellung des Bezirks-/Schulradwegenetzes zu beteiligen.“

Kurz: Kinder sind jetzt nicht mehr nur niedlich, sondern haben seit der Zustimmung der Bürgerschaft zur Einigung mit dem Radentscheid auch verkehrspolitische Rechte in Hamburg.

Vor diesem Hintergrund fragen wir Sie, Frau von Berg:

  1. Warum sind diese Schulradweg-Routen, falls überhaupt geplant, im veröffentlichten und auch an die Schulen geschickten Bezirksradwegeplan nicht gesondert gekennzeichnet? Kritik, Verbesserungsvorschläge und damit Einsatz und Teilhabe für ihre speziellen und berechtigten Belange sind so für die Schulen und die Schüler:innen nicht möglich.
  2. Werden die weiterführenden Schulen wie von der Bürgerschaft beschlossen mit kindgerechten Radführungen miteinander verbunden?
    (Erklärung: Jede dieser Schulen soll mit den zwei, drei oder auch vier nächstgelegenen Schulen dergestalt verbunden werden, dass das zwischen zwei Schulen liegende Einzugsgebiet zu den jeweils beiden Schulen hin erschlossen wird. So ergibt sich ein Schulradwegenetz mit optimaler Erschließung, da die Schulen die  Knotenpunkte dieses Netzes sind. Auch weiter entfernt liegende Schulen können so sicher erreicht werden, denn weiterführende  Schulen werden nicht unbedingt nach Nähe, sondern nach Profil gewählt, z.B. nach Gymnasium oder Stadtteilschule bzw. nach Schulprofil.)
  3. Wie werden die kindgerechten Radverkehrsführungen aussehen?
    Werden für die Routen des Schulradwegenetzes Massnahmen ergriffen, um zumindest den Kfz-Durchgangsverkehr dort herauszuhalten und damit die von der Bürgerschaft beschlossenen „möglichst MIV-verkehrsarme Tempo 30 Zonen“ zu gewährleisten?
    Sind also auf diesen Routen bauliche Massnahmen, wie gegenläufige Einbahnstrassen, Diagonalsperren, für den Fuss- und Radverkehr durchlässige Sackgassen u.ä. oder zumindest Kfz-Durchfahrtsverbote (‚Nur für Anlieger‘) vorgesehen?
  4. Sind auf diesen kindgerechten Routen auf  ihren vorgesehenen Benutzer:innen-Kreis zugeschnittene Verkehrssicherungs-Maßnahmen vorgesehen?
    Auf Schulradweg-Routen nicht nur sinnvoll, sondern notwendig sind u.a.:
    • ‚Rundum-Grün‘ für Fuss- und Radverkehr an beampelten Kreuzungen
    • Gehwegvorstreckungen, Radabstellbügel o.ä. an Kreuzungen und Einmündungen, um den 5m (besser 8m) – Sichtbereich zuverlässig frei von parkenden Kfz zu halten
    • Kennzeichnung der Vorfahrt ‚rechts vor links‘ und von querenden Radwegen durch ‚Haifischzähne‘ (Vz. 342)
    • ggf. Aufstellung des Verkehrszeichens ‚Überholverbot von einspurigen Fahrzeugen‘ (Vz. 277.1),  z.B. dort, wo Überholabstände von mind. 1,50m mangels Fahrbahnbreite nicht zuverlässig eingehalten werden können

Wir gehen selbstverständlich davon aus, dass unsere Verabredung mit der Bürgerschaft in den Bezirks- und den dort zu integrierenden  Schulradwegrouten in Altona ihren vorgesehenen praktischen Niederschlag findet und sind uns darüber hinaus sicher, dass Sie und Ihre Verwaltung auch ein eigenes Interesse an sicheren Schulradwegen für Altonas Kinder haben.
Wir verstehen unsere Fragen und Hinweise deshalb als für dieses gemeinsame Ziel notwendige und konstruktive Kritik.

Wir freuen uns auf Ihre Antwort.

Mit fahrradfreundlichen Grüßen

Ihr Radentscheid Hamburg