Liebe Freundinnen und Freunde des Radentscheid Hamburg

Ihr wundert euch sicher, warum wir noch nicht zur bundesweiten Kidical Mass (KM) am 24./25.9. mobilisieren.

Wir waren selbst überrascht, aber die Kidical Mass wurde uns doch tatsächlich geklaut.

  — Hast du einen schwächeren Nachbarn? Warum überfällst und beraubst du ihn nicht einfach? —

Dieser neue Trend in der Politik hat nun, sozusagen ‚zügig‘, auch die Hamburger Radverkehrspolitik erreicht.

Kurze Vorgeschichte:

Der Kern der Radverkehrsstrategie des Radentscheid Hamburg ist es, Kinder, bzw. Schülerinnen und Schüler zu einem Schwerpunkt der Radverkehrspolitik zu machen. Zum Einen, weil die es besonders nötig haben, zum Anderen aber auch wegen der einfachen Wahrheit: 

Wo Kinder radeln können, dort können alle radeln.

Wenn wir eine Verkehrswende wollen, die in unseren Städten und Kommunen Platz und damit Teilhabe für alle bietet, dann müssen wir uns an den Bedürfnissen der Schwächsten orientieren. Dazu gehören zuvörderst die Kinder.

Und: Bei der Radverkehrswende, wie sie in Dänemark und Niederlande stattgefunden hat und noch stattfindet, stand und steht Kinder- bzw. Schüler:innen-Mobilität ebenfalls prominent im Fokus. 

(Kopenhagen: „Als erstes (!) haben wir die Schulen mit kindersicheren Radwegen miteinander verbunden“, so der damalige Technische Bürgermeister Klaus Bondam bei einem Besuch in Hamburg.

Niederlande: ‚Stop Kindermoord‘- Kampagne für sichere Strassen in der 1970ern.) 

Es gibt also, angesichts der dortigen Erfolge, überwältigende empirische Evidenz für das Gelingen dieser Strategie (siehe auch Offener Brief an Frau von Berg).

Der Radentscheid Hamburg hat deshalb begleitend zu seiner Kampagne 2018 eine der bundesweit ersten Kidical Mass organisiert und so deren Tradition in Hamburg begründet. 

Auf den 2018 und 2019 von Changing Cities veranstalteten bundesweiten Treffen der Radentscheide fiel unsere Strategie auf fruchtbaren Boden. Ausgehend von den Diskussionen auf diesen Treffen organisierten die Kölner:innen 2020 mit Kinder aufs Rad, und dafür seien sie gelobt und gebenedeit, die erste bundesweite KM.

In Hamburg haben wir seit 2018 zweimal jährlich die KM mit stetig wachsenden TN-Zahlen federführend durchgeführt und immer den ADFC HH als Mitveranstalter eingeladen.

Warum wurden wir jetzt rausgekickt?

Auf unsere Einladung an den ADFC zu einem Vorbereitungstreffen für die KM am 1.10. (um eine Woche wg des Familienklimastreiks am 23.9. verschoben) kam als Antwort, dass der ADFC HH gemeinsam mit VCD und ParentsForFuture (PFF) eine KM am 24.9. ohne uns durchführen wolle. Keine weitere Erklärung. ‚Mit PFF‘ war zumindest zu diesem Zeitpunkt Fake. Der Radentscheid führte seit Längerem Gespräche mit PFF zur KM, der falsche Hinweis auf PFF sollte wohl zusätzlich demoralisieren.

Wir haben daraufhin unsere KM wieder abgemeldet. 2 KMs an zwei aufeinanderfolgender Wochenenden, noch dazu als Konkurrenzveranstaltungen, das konnten und wollten wir nicht.

Wir sehen das als, erstmal erfolgreichen, Versuch, mittels der ungleich größeren Organisationskraft des ADFC HH den Radentscheid und seine Strategie ‚Kinder ins Zentrum der Radverkehrspolitik‘ zu silencen, uns die KM zu klauen, um uns öffentlich nicht stattfinden zu lassen und uns unseres Markenzeichens zu berauben. Machtpolitik mittels brute force.

Die Hintergründe.

Die Verlagerung des Radverkehrs auf die Fahrbahn (Schutz- & Radstreifen), die seit ca 25 Jahren massenhaft stattfindet, hält sehr viele vom Radfahren ab. Insb. Kinder haben kaum noch Zugang zum öffentlichen Raum. Diese Politik ist nicht vom Himmel gefallen, sondern wird betrieben von und ist ausgerichtet auf risikotolerante, meist männliche, sportliche Radler, deren Interessen die Politik des ADFC HH leider sehr stark dominieren.

Damit führte unser Ansatz (Orientierung nicht an den stärksten, sondern an den schwächsten Radfahrer:innen) beinahe unausweichlich und von Anfang an zu, vorsichtig ausgedrückt, heftigsten Widerstand beim ADFC HH.

Trotzdem hatten und haben wir sehr große Erfolge.
Unter anderem:

  • Die gesamte Bürgerschaft, alle Parteien, ließ sich von unserer Strategie überzeugen.
  • In die neue, von Verkehrssenator Tjarks im April des Jahres vorgelegte Radverkehrsstrategie sind sehr viele unserer Ideen eingeflossen (allen voran bezirkliche Schulradwegenetze).
  • Die Bezirke Altona und Eimsbüttel arbeiten aktuell zusammen mit einigen Hamburger Umlandgemeinden Schulradwegkonzepte aus. Siehe dazu NDR: Elterntaxis: „Die Basisanforderung ist laut den Verkehrsexperten ein sicherer Schulweg – da seien auch die Verkehrsplanerinnen und -planer gefragt.“

Es ist sehr viel in Bewegung geraten.

Das Alles haben wir nicht zuletzt mithilfe der KMs angestoßen.

Und damit zurück zum ADFC HH. Natürlich ist ein super angenehmes Privileg, wenn die öffentliche Radinfrastruktur vorzugsweise für die ganz eigenen Bedürfnisse einer relativ kleinen Gruppe konzipiert wird. Werden einem diese ans Herz gewachsenen Privilegien genommen, dann fühlt mann sich entrechtet. Mann wehrt sich und geht auf die los, die einem die Privilegien (aus subjektiver Sicht: die einem zustehenden Rechte) streitig machen sowie auf die, mit denen man konkurriert.

Bei der KM des ADFC soll es deshalb, Kenntnisstand jetzt, nicht mehr um „Sichere Schulradwege für Hamburgs Kinder‘ gehen, wie es jahrelang die zentrale Forderung des Radentscheid war.

„Kidical Mass Frage 2: Finden wir die zentrale Forderung einer geschützten Radspur (protected bike lane) auf jeder Hauptstraße gut?“ (ADFC-Mitglied in einer Gruppe, mit der der Radentscheid seit Längerem über die Teilnahme an der KM diskutiert – ohne dass die ‚feindliche‘ Übernahme der KM überhaupt kenntlich gemacht wird).

Protected Bike Lanes (PBL) an Hauptstrassen (wo man zwar mit physischer Barriere und glattem Fahrbahn-Asfalt, aber nicht selten im Abstand von nur wenigen Zentimetern zu Pkw, Bussen und Lkw radelt) sind nicht das bevorzugte Habitat von radfahrenden Kindern. Es ist eine Forderung von und für stresstolerante Erwachsene.

Sieht aber so aus, als ob auf dieses Motto als „zentrale Forderung“ fürs Erste noch einmal verzichtet wird.

Allein die Diskussion um derartige Forderungen zeigt jedoch die Gefahr, dass mit der Übernahme der KM durch den ADFC HH absehbar Kinder für Erwachsenen- und Verbands-Interessen (ADFC HH-Kampagne PBL) instrumentalisiert und auf die Strasse geschickt werden.

Wir appellieren deshalb dringend an den ADFC HH:

  • Ändert endlich eure Politik, anstatt weiterhin inklusive Ansätze zu bekämpfen und fordert gemeinsam mit uns:  ‚Sichere Schulradwege für Hamburgs Kinder‘ als Ausgangspunkt und Basis jeder nachhaltigen Radverkehrspolitik.
  • Die immer dringender notwendige Verkehrswende braucht eine Radverkehrspolitik für Alle, nicht eine Lobbypolitik für wenige Starke auf Kosten der Vielen und der Schwächsten.
  • Die Kidical Mass und ihre Forderungen gehören den Kindern, nicht den ohnehin im Hamburger Radverkehr Privilegierten.
    Gebt sie uns und den Kindern zurück.